In den vergangenen zwei Wochen hat mich ein Vorfall beschäftigt, der von der Sache her gar nichts mit mir zu tun hat. Ich kenne persönlich keine Beteiligten und das Ganze spielt sich nicht auf El Hierro, sondern in Hamburg ab, immerhin nicht weit entfernt von meiner Wohnung, die ich weiterhin dort habe.
Da gibt es ein Haus, welches so alt ist wie das, in dem sich meine Hamburger Wohnung befindet. Inzwischen gibt es nur noch einen Teil dieses Hauses. Hatten doch einige Bewohner Ende Juli bemerkt, dass die schon länger vorhandenen Risse in den Wänden größer geworden waren. Da ihr Vermieter nicht zu erreichen war und sich offensichtlich auch in der Vergangenheit wenig um Mängel des Hauses kümmerte, wurde die Polizei gerufen. Danach muss das in etwa wie folgt abgelaufen sein: Die Polizei forderte alle Bewohner*innen des Hauses auf, dieses sofort zu verlassen. Wer zu Hause war, hatte 3 bis 10 Minuten Zeit, die wichtigsten Sachen in den Koffer zu packen. Und dann nichts wie raus aus der Wohnung. Das Haus wurde beschlagnahmt und versperrt. Wer gerade im Kino, bei Freunden oder im Urlaub war, kam nicht mehr rein in seine Wohnung.
Man stelle sich das vor: Du sitzt abends in deiner Wohnung und liest ein Buch. Es klingelt und du hast 10 Minuten Zeit, deine Sachen zu packen. Allein diese Vorstellung finde ich schon krass.
Weiter geht’s. Da ein Haus mit Rissen als einsturzgefährdet gilt, durfte auch niemand seine Wohnung seitdem wieder betreten. Innerhalb weniger Tage wurde behördlich angeordnet, den hinteren Teil des Hauses abzureißen. Das war selbst für die Abbruchfirma eine harte Nummer. Du reißt ein Haus ab, in dem sich noch alle Möbel und persönlichen Gegenstände der Bewohner*innen befinden! Der Baggerfahrer hat sich dann auch geweigert, mit dem Abriss zu beginnen, ohne noch mal durch das ganze Haus zu gehen. Dabei hat er dann mehrere Mülltüten mitgenommen, um für die vor dem Haus wartenden Bewohner*innen zumindest noch ein paar persönliche Dinge zu retten.
Ob der vordere Teil des Hauses noch zu retten ist, ist zum Zeitpunkt wo ich dies schreibe unklar. Klar ist, dass sich in dem Schuttberg viele persönliche Dinge von Menschen befinden, die unersetzbar sind: Fotoalben, Tagebücher, das silberne Geschirr von der Oma und ich weiß nicht was noch alles. Für einige Menschen ist von jetzt auf sofort auf behördliche Anordnung alles, was sie in ihrem Leben aufgebaut haben weg, einfach weg.
Mal abgesehen davon, dass mich das Schicksal dieser Menschen beschäftigt, kommt mir bei dieser Sache einiges schräg vor.
Meine Informationen stammen aus dem Staatsfunk. In Hamburg heißt dieser NDR. In der Berichterstattung taucht zu keinem Zeitpunkt der Eigentümer des Hauses oder Mitarbeiter*innen der Behörden auf, die entsprechende Entscheidungen getroffen haben.
Ich stelle mir vor, dass der Eigentümer sogar ein ganz netter Mensch sein könnte, der sein Haus, an dem er offensichtlich jahrelang nichts gemacht hat, zu günstigen Mietpreisen abgibt. Aber er scheint keine Verantwortung für sein Eigentum zu übernehmen. Seine Stellungnahmen kommen über einen Anwalt. Es gibt keine Nachricht, dass er sich mit seinen trauernden Mietern auch nur ein einziges Mal getroffen hätte. Einen Namen erfährt man nicht, denn in Deutschland darf wer besitzt anonym bleiben. Nebenbei: Das ist eine deutsche Spezialität, dass jemand nicht einmal das Recht hat zu erfahren, wem irgendein Haus oder Grundstück gehört. In anderen Ländern wird das anders gehandhabt. Um den Namen zu erfahren muss man in Deutschland in die Bildzeitung schauen. Die wissen sowas …
Ich frage mich, wieso die zuständige Behörde das einsturzgefährdete Mietshaus beschlagnahmt hat und nicht gleichzeitig andere Besitztümer des Eigentümers dieses Hauses, der möglicherweise in der aktuellen Situation nichts Besseres zu tun haben könnte, als seine Schäfchen gegenüber irgendwelchen Schadensersatzforderungen ins Trockene zu bringen. Aber in Deutschland hat der Schutz der Besitzenden einen erheblich höheren Stellenwert als der auf dem Papier existierende Grundsatz, dass Eigentum verpflichten würde.
Weiter stelle nicht nur ich mir die Frage, wieso nicht nach Wegen gesucht wurde, dass die Menschen ihr Hab und Gut vor dem Abriss bergen konnten. Hier kommen wir zu einem grundsätzlichen Thema unserer Zeit: Alles soll so risikofrei wie möglich ablaufen. Und niemand möchte mehr für Entscheidungen Verantwortung übernehmen. Alles muss versichert sein. Versicherungen geben die Regeln vor und was dafür zu zahlen ist.
So ein Mensch im Bauamt hat dann natürlich Schiss und denkt vermutlich in etwa so: „Wenn ich keinen sofortigen Abriss anordne, könnte das Haus heute Nacht einstürzen. Und ich werde dann zur Verantwortung gezogen. Wenn das Haus einstürzen sollte, dann könnten auch die Nachbarhäuser einstürzen. Also evakuieren wir die am Besten auch.“ (Das ist auch geschehen. Etwa 60 Menschen mussten raus. Hatte ich bisher noch nicht erzählt …) „Wenn ich die Bewohner*innen ihre Sachen rausholen lasse und das Haus stürzt in dem Moment ein, bekomme ich einen Riesenärger. Also darf keiner mehr das Haus betreten.“
Ich verstehe diese Denkweise. Und gleichzeitig finde ich sie absurd. Das Haus ist immerhin mehr als 130 Jahre alt und hat mehrere Kriege überlebt. Es ist offensichtlich am Ende, denn ein Haus möchte gepflegt werden. Das ist nicht geschehen. Das Haus hat angedeutet, dass es seinen Geist aufgeben würde. Ja, auch ein Haus hat einen Geist, aber das weiß heute kaum noch jemand. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Haus seinen letzten Bewohner*innen gestatte hätte, ihre Sachen rauszuholen. Dafür wäre ein Gespräch mit dem Haus wichtig gewesen. Aber heute glaubt kaum noch jemand, dass man mit Häusern reden kann. Kann man aber, denn alles was existiert hat Bewusstsein, auch ein Haus.
Zumindest hätte man es aber den Menschen überlassen dürfen, selber zu entscheiden, ob sie auf Risiko ihre Sachen rausholen wollten oder nicht. Aber auch das geht vermutlich nicht. Denn welche Versicherung würde das Krankenhaus bezahlen, wenn jemand bei so einer Aktion ein Stein auf den Kopf gefallen wäre?
Unsere Gesellschaft ist heutzutage gefangen in einem Kontrollwahn komplett verarmt …
