Auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten schon eine Menge verändert hat – im Süden Europas sind Tiere für viele Menschen weiterhin ein Gebrauchsgegenstand, mit dem man machen kann was man will. Nicht dass es im Norden Europas sonderlich besser wäre. Wo Tiere als industrielle Fleischlieferanten zu einem Wirtschaftsfaktor degradiert werden, werden Elend und Leid derer ignoriert, die in unkenntliche Stücke zerteilt auf dem eigenen Teller landen. Und ob die Haltung von Hunden oder Katzen in einer Großstadtwohnung artgerecht ist, möchte ich stark anzweifeln.
Aber zurück auf die kleine Insel im Atlantik, auf der ich nun seit sechs Jahren lebe. Immer wieder habe ich von einem hier auf der Insel schon legendären Tierschutzverein gehört. Und da diese Leute offensichtlich gute Sachen machen, habe ich sie auch immer mal wieder unterstützt. Aber bisher wusste ich nicht einmal, wo sich denn dieses Refugium auf der Insel überhaupt befindet. Da musste sich was ändern.
Ich treffe mich also mit Karin, die diesen Verein mit einem für manche unaussprechlichen Namen vor mehr als 20 Jahren gegründet hat. Natürlich nicht alleine, aber alles begann, als Karin auf ihrer Finca schon so viele verlassene Hunde aufgenommen hatte, dass es langsam eng wurde. Da erzählte ihr jemand von Roland, einem zurückgezogen auf seiner Finca lebenden bayrischen Hundeliebhaber. Er stellte sein 8000 m2 großes Grundstück als Auffangstation für Hunde in Not zur Verfügung.
Bald begannen Karin und Mitstreiter*innen hier einen Platz für verlassene oder misshandelte Hunde zu aufzubauen. Es wurde einfach gebaut. Auf Genehmigungen zu warten wäre sinnlos gewesen. Man hätte sie wohl weder für den Ort noch für das Projekt selber bekommen. Bauen ohne Genehmigung war vor 20 Jahren noch möglich, als es noch keine Drohnen gab. Denn wofür eine Baugenehmigung? Was sollte man mit einem Tierschutz? Aufgegriffene Hunde wurden an einem Sammelplatz angebunden. Wenn sich nach einer Woche kein Besitzer gemeldet hatte, wurde der Hund erschlagen oder erschossen. In der Schule wurde zu dieser Zeit den Kindern im Unterricht noch beigebracht, dass Tiere keine Gefühle hätten.
Beim Betreten des Geländes begegnet uns Carlota. Roland ist vor ein paar Jahren verstorben und hat das komplette Gelände dem Verein vermacht. Carlota ist die einzige Vollzeitkraft, die der Verein sich leisten kann. Sie erzählt, dass gerade an einem Müllcontainer drei kleine Kätzchen gefunden wurden. Um zu überleben brauchen sie etwa alle zwei Stunden die Flasche. Darum kümmert sich jetzt Eva, eine der Katzenbetreuerinnen. Eva, eine Schweizerin, ist Spezialistin im Aufziehen von Tierbabys und wie Barbara und Yanira versorgt sie auch verletzte und kranke Hunde und Katzen in ihrem Privathaus. Ehrenamtliche Helferinnen betreuen in Zusammenarbeit mit dem Verein auch zahlreiche Katzenkolonien auf der Insel. Sie sorgen auch für tierärztliche Betreuung von kranken und verletzten Katzen und lassen sie von den Tierärzten kastrieren.
Carlota erzählt weiter, dass aktuell 25 Hunde auf dem Gelände betreut werden. Eifriges Bellen ist aus allen Richtungen zu hören. Hier finden sich die verschiedensten Rassen und Mischungen. Manch einen freundlichen Hund möchte man am liebsten gleich mit nach Hause nehmen. Andere wieder würde ich ungern als Nachbarn haben. Es gibt einfach Hunde, die nicht aufhören können zu bellen …
Fünf junge Jagdhunde werden in wenigen Wochen nach Italien reisen. Die Vermittlungsquote des Vereins ist hoch: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 100 Tiere nach Deutschland, den Niederlanden, Italien oder eine der anderen kanarischen Inseln vermittelt. Hierfür wurde mit den Jahren eine ziemlich perfekte Transportorganisation aufgebaut: Reisende melden sich beim Verein und wenn es passt wird dem Fluggast beim Einchecken für einen Direktflug ab Teneriffa Süd das Tier übergeben und durch den Zoll gebracht. Am Zielflughafen werden Hund oder Katze dann von einer Kontaktperson entgegengenommen.
Der Verein hat den für viele unaussprechlichen Namen „El Juaclo“, gesprochen also in etwa wie „El Chuaklo“. Ich frage nach, denn schon immer habe ich mich gefragt, woher wohl dieser Name kommt. Karin erklärt, dass es im südlichen Hochland der Insel natürliche Orte in der Landschaft gäbe, wo Schäfer ihre Herden früher haben ruhen lassen. Das sind z.B. kleine Talkessel mit angrenzenden Höhlen, in denen die Tiere bei Unwettern Schutz finden konnten. Das ist also ein Juaclo. Passt wunderbar für einen Tierschutzverein, wenn man denn weiss, was es bedeutet …
El Juaclo ist inzwischen eine Institution auf der Insel. Nachdem es zu Beginn zumeist deutschsprachige Helfer*innen waren, dominieren heute die Herreñ@s unter Leitung der Vorsitzenden Yanira. Was hier geleistet wird hat inzwischen auch in der Politik Anerkennung gefunden. Es gibt heute Subventionen und immer mal wieder Spendenaktionen. Eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft kosten. Und ärztliche Betreuung, Pflege und Futter gehen auch ins Geld.
Wir gehen in eines der Gehege, wo ich von zwei Hunden begeistert angesprungen werde. Beides sehr nette Kerle. In einer dunklen Ecke sitzt ein kleiner Hund mit dem Rücken zur Wand. Er ist seit zwei Monaten hier und niemand darf in seine Nähe kommen. Sein Essen wird in etwa zwei Metern Entfernung auf den Boden gestellt und wenn der Mensch weg ist, traut sich der Hund zum Napf. Er muss wirklich Schlimmes erlebt haben, dass er bis heute kein Vertrauen fasst. Aber irgendwann kommt er dann vielleicht doch aus seiner Ecke. Dann kann er auch an einem der täglichen Spaziergänge teilnehmen, auf die hier jeder Hund ein Anrecht hat.
*****************************************************************
Du kannst dich benachrichtigen lassen, sobald ein neuer Beitrag in meinem Blog erscheint. Dafür gibt es die Newsletterliste 5.
